Lustmord auf der Bühne

Der vielfach preisgekrönte Regisseur Milo Rau und sein Ensemble verwickeln die Zuschauer der Schaubühne Berlin zur Spielzeiteröffnung mit >>Die Wiederholung. Histoire(s) du théâtre (I)<<   (UA 4. Mai 2018 Brüssel) in einen Mordfall und fragen gleichzeitig nach der Darstellbarkeit von Gewalt und traumatischen Ereignissen auf der Bühne.

>>Die Wiederholung. Histoire(s) du théâtre (I)<<, Johan Leysen, Foto: Hubert Amiel

So wie ein Pizzabote, muss auch ein Schauspieler auf der Bühne liefern, beteuert der Schauspieler Johan Leysen und ruft den Nebel, um den Geist von Hamlets Vater zu spielen. Sobald der Nebel verschwunden ist, erfährt der Zuschauer etwas von einem Mord an Ihsane Jarfi. Der Araber Jarfi wurde grundlos im April 2012 in der belgischen Arbeiterstadt Lüttich von drei jungen Männern für mehrere Stunden gefoltert und im Anschluss ermordet. Vor seiner Ermordung war Jarfi in einem Homosexuellen-Club tanzen. Er lernte die drei jungen Männer an der Straßenecke vom Club kennen und kam mit ihnen ins Gespräch. Gemeinsam stiegen sie in einen grauen Polo und fuhren weg. Jarfi outete sich während der Autofahrt als homosexuell. Dies war vermutlich sein Todesurteil.

Regisseur Milo Rau erkundet mit seinem Ensemble (Tom Adjibi, Suzy Cocco, Sara De Bosschere, Sèbastien Foucault, Fabian Leenders, Johan Leysen), welches zu gleichen Teilen aus Schauspieler*innen und Laien besteht, die Schauspielkunst mit seinen Techniken und wiederholt den Mord an Jarfi. Auf beiden Ebenen setzt sich das Ensemble mit Rassismus und Gewalt auseinander. Der (Laien-)Schauspieler Tom Adjibi erzählt in dem inszenierungimmanenten Casting von dem strukturellen Rassismus im Theater und spielt anschließend so wie es die Ironie des Schicksals verlangt – , den ermordeten Araber Jarfi, weil er diesen ähnelt.

Die Rekonstruktion von Jarfis Ermordung erinnert an Thomas Ostermeiers Inszenierung >>Im Herzen der Gewalt<<. Bei Ostermeier steht ebenfalls die Darstellbarkeit von Gewalt im Mittelpunkt der Inszenierung. Und auch thematische Schwerpunkte überschneiden sich. Regisseur Rau geht aber mit seiner realitätsnahen Technik des Reenactments einen Schritt weiter und simuliert ganze Szenen aus der vermutlichen Mordnacht, sodass Jarfi schließlich zusammengekauert und blutverschmiert auf dem Bühnenboden im Sterben liegt. Das Spiel mit der Realität und dem verbundenen Wunsch, Gewalt auf der Bühne darzustellen, ist keine besondere Frage der Technik, als vielmehr eine Frage nach dem verbundenen Wunsch des Menschen, Gewalt realitätsnah einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wieso wirkt eine gewaltsame Ermordung auf einige Menschen anziehend? Und weshalb wird das bloße Darstellen von Gewalt als theatralischer Stroff angesehen? Warum finden einige Menschen einen Gewaltakt faszinierend und beklatschenswert?

Raus Schauspiel >>Die Wiederholung. Histoire(s) du théâtre (I)<< offenbart neben seiner Darstellung von Gewalt, ein Spiel mit der Macht im Sinne eines Souveräns, welcher zur Machtdemonstration Menschen in der Öffentlichkeit martert und dadurch sein Publikum unterhält. Es wäre sinnvoll gewesen, die Darstellung von Gewalt nicht im Hinblick auf seine Technik zu reflektieren, sondern zu hinterfragen, weshalb ein Gewaltakt ohne jegliche Reflexion in einem Theater als sehenswert und wiederholenswert erscheint. Die strukturelle Vorgehensweise von dem Regisseur Rau ähnelt seinen vergangenen Inszenierungen, wie >>Five Easy Peaces<< oder >>Empire<< und zeigt wenig Neues.

Einzig bestauneswertes Element ist das Zusammenspiel von Live-Cam und Schauspiel und dessen digitale Verarbeitung. Wie beispielsweise die Szene, in der Sèbastien Foucault mit seinem Hund Gassi geht. Der nicht anwesende Hund wird digital auf die Leinwand eingearbeitet. Dieses Spiel mit moderner Technologie eröffnet neue Möglichkeiten für theatrale Darstellungen und ist ein sehr vielversprechender Ansatz für das moderne Theater.

>>Die Wiederholung. Histoire(s) du théâtre (I)<<, Schaubühne Berlin, Weitere Vorstellungen: https://www.schaubuehne.de/de/produktionen/die-wiederholung.html?ID_Vorstellung=3127, Karten unter: ticket@schaubuehne.de und +49 030-890023

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen