Die Geister, die ich rief

>>Paradise Now (1968 – 2018)<< , Ensemble, Foto: Kurt van der e

Am 2.9.2018 ging nach drei ein halb Wochen das 30-jährige Jubiläum vom Berliner Tanzfestival >>Tanz im August<< mit einer erfolgreichen Bilanz zu Ende.

Mehr als 220 Künstler*innen aus 18 Ländern präsentieren dieses Jahr in 30 Produktionen, vier Uraufführungen und 16 Deutschlandpremieren ihre Arbeiten. Festivalleiterin, Virve Sutinen und HAUIntendantin, Annemarie Vanackere haben mit ihrem Jubiläumsprogramm die ganze Spannbreite der internationalen Tanzszene erfassen können und eine Auslastung von 95 Prozent erzielt. Vanackere führt das unter anderem auch auf die angemessene Förderung zurück, die das Festival >>Tanz im August<< für sein 30-jähriges Jubiläum erhalten hat. Dieses Jahr bekam das HAU 100 000 Euro zusätzlich zu den 750 000 Euro vom Hauptstadtkulturfonds und die Lottostiftung hat das Outdoor-Projekt >>STREB Extreme Action<< mit 200 000 Euro bezuschusst. In den letzten Tagen fuhr das Festivalprogramm nochmal auf Hochtouren und zeigte mit >>Paradise Now (1968 – 2018)<< von faBULEUS/ Michiel Vandevelde und mit dem Pina Bausch Tanztheater aus Wuppertal/ Alan Lucien Øyen >>Neues Stück II<< zwei in sich unterschiedliche und sensationelle Arbeiten. Choreograf Vandevelde und sein Ensemble von faBULEUS (Zulaa Antheunis, Sarah Bekambo, Jarko Bosmans, Bavo Buys, Wara Chavarria, Judith Engelen, Abigail Gypens, Lore Mertens, Anton Rys, Margot Timmermans, Bo Van Mervenne, Esra Verboven, Aron Wouters) widmen sich in >>Paradise Now (1968 – 2018)<< den historischen Ereignissen der letzten 50 Jahre und versuchen ihre Umwelt mit dem Geist der 68iger zu infizieren.

Vandevelde und faBULEUS schaffen über Bewegungen und Posen von historischen Ereignissen und über die projizierten Jahreszahlen oder Wörter, wie Srebrenica, Bilder. Die einzelnen Bilder sind sehr stark und emotional aufgeladen. Besonders die Bilder von Kurdî und vom Massenmord in Srebrenica. Beim Bild >>Srebrenica<< liegen die jungen Menschen in einer Reihe mit den Händen auf dem Rücken auf dem Boden. Es symbolisiert ein Massengrab und vergegenwärtigt, wie grausam der Mensch zu seiner eigenen Gattung ist. Die Zeitreise der Performer*innen ist sehr spannend, unterhaltsam, aber auch bedrückend. Dem künstlerischen Team ist es sehr gelungen 50 Jahre Geschichte mit einigen Posen und spärlichen Mitteln zu rekonstruieren und emotionale Momente zu schaffen. Schade ist, dass die revolutionäre Energie der jungen Menschen nicht wirklich auf die Zuschauer übergegangen ist, weil unter anderem die erotisierten Momenten von Polygamie und das nackte Herumstreifen in den Zuschauerraum von den Pubertierenden für Verwirrung gesorgt haben.

Weiter zurück in die Vergangenheit geht es mit dem Pina Bausch Tanztheater aus Wuppertal/ Alan Lucien Øyen >>Neues Stück II<<, welches vom 31.8. bis zum 2.9.2018 an der Volksbühne Berlin gastierte. Regisseur Øyen hat sein Ensemble in die 20-30iger Jahre zurückversetzt und sie die intime Momente des Lebens, wie Tod, Liebe und dem Wunsch nach dem Nichts, erkunden lassen. Die Drehbühne von Alex Eales passt sich den Tänzer*innen an und wechselt mit unterschiedlichen Bauelementen von Szene zu Szene und von Moment zu Moment. Bühne und Ensemble versetzen sich immer wieder in neue Situationen, Orte, erfahren Grenzbereiche und finden sich neu; manchmal auch Jenseits von der Realität.

>>Neues Stück II<<, Ensemble, Foto: Mats Bäcker.

In über drei und halb Stunden tauchen die Zuschauer in Geschichten und Schicksalsschlägen von Menschen, die das Leben erfahren. Øyens Inszenierung >>Neues Stück II<< hat als einzigen roten Faden das facettenreiche Leben. Eine durchgehende Geschichte gibt es nicht, was aber nicht sonderlich bedauernswert ist. Weil der Zuschauer über unterschiedliche Erzählungen und Ausdrucksweisen den Menschen in seinen extremen Situationen erfährt. Wie die Szene, in der eine Schauspielerin für eine Filmszene geschminkt und gebrieft wird. Sie nimmt ihre Waffe, führt sie zur Schläfe und erschießt sich. Sie liegt tot im Sessel. Die Crew räumt auf. Das Licht geht aus. Alles ist dunkel. Plötzlich steht sie auf und ruft nach dem Regisseur. Es wirkt als befinde sie sich im Jenseits. Doch dann beginnt die Szene, wie in einem Loop von Anfang. Der Suizid, der in >>Neues Stück II<< öfters thematisiert wird, ist eins der intimsten Momente eines Menschen. Der Wunsch das absolute Nichts zu erfahren. Es ist sehr faszinierend und eindrucksvoll, wie der Regisseur Øyen sich an diese intimen Momente heranwagt. Auch die menschliche Verzweiflung erfährt in Tanzszenen gelungen ihren Ausdruck. Jede Bewegung der Tänzer*innen trägt emotional zu den Szenen bei und vervollständigt sie. Neben den zutiefst theatralischen Momenten, setzt der Regisseur auch auf zynische Szenen, wie die Publikumsinteraktion mit dem Spiel >>Galgenmännchen<<. Zu gewinnen gab es Zigaretten, welche an diesen Abend fester Bestandteil der Crew waren.

Auch wenn die Inszenierung >>Neues Stück II<< sich bemüht unterschiedliche Genre zu bedienen, steht die Schauspielerei im Vordergrund. Selten zeigt es Tanzszenen, die über ein Solo hinausgehen. Doch berührend und mitreißend ist >>Neues Stück II<< allemal und bringt das Tanzfestival für sein Jubiläum zu einem guten Abschluss.

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