Rekonstruktion eines Traumas

Regisseur Thomas Ostermeier inszeniert an der Schaubühne Berlin in deutschsprachiger Erstaufführung den autobiografischen Roman >>Im Herzen der Gewalt<< von Édouard Louis und versucht intransparenten Machtstrukturen sichtbar auf die Bühne zu bringen.

Édouard (Laurenz Laufenberg) sitzt auf der weißen Bank in seiner Wohnung. Das Licht ist stark gedimmt. Er sitzt da, wie bestellt und nicht abgeholt. Er bewegt sich nicht. Dann betritt die Spurensicherung seine Wohnung. Sie laufen durch die Räume, sammeln Indizien und nehmen Fingerabdrücke. Seine Wohnung ist zu einem Tatort geworden. Édouard steht auf, geht an den Rand der Bühne und spricht ins Mikrophon. Auf die Wohnungswand werden Bilder von Laternen und Wasser projiziert. Er erzählt von Paris, davon wie er auf dem Heimweg nach einem Weihnachtsessen auf der Palace de la République Reda (Renato Schuch) kennenlernte. Reda, ein Mann algerischer Herkunft. Es geht alles sehr schnell! Die Spurensicherung löst sich auf. Und während er weiter spricht, zieht sich der Schauspieler Christoph Gawenda aus, springt unter die Dusche. Er wäscht sich zu Édouard Worten. In diesen Momenten sind Text und Handlung auf zwei unterschiedliche Schauspieler verteilt. Und dann, Édouard Louis oder auch, Eddy Bellegueule wurde vergewaltigt. Eddy ist nun auf dem Weg zu seiner Schwester Clara (Alina Stiegler), in seine Heimat in der nordfranzösischen Provinz. Er versucht ihr die Tatnacht zu rekonstruieren. Gemeinsam verlieren sie sich in Details, in die Vergangenheit und entdecken gesellschaftlich tief verwurzelten Rassismus und intransparente Machtstrukturen.

Die Inszenierung >>Im Herzen der Gewalt<< von Regisseur Thomas Ostermeier spielt, wie die Zuschauer es von Ostermeiner gewohnt sind, einerseits mit der Form des Realismus, der versucht sich realitätsnah an die Phänomene des Minimalismus zu koppeln. Und andererseits, passt sich das Schauspiel >>Im Herzen der Gewalt<< der non-linearen Erzählstruktur des Traumas von dem Autor, Édouard Louis an. Die non-lineare Erzählstruktur ist nicht nur eine Folge der Vergewaltigung, weil Édouard den Tathergang so rekonstruiert, wie er es erlebt hatte, sondern sie ermöglicht viele Zeitsprünge, mehrere Plots und bündelt diese zu dem ursächlichen Problem, die gesellschaftlichen Klassenunterschiede. Eddy Bellegueule ist in einfachen Verhältnissen in der nordfranzösischen Provinz aufgewachsen, studiert aber nun an der École normale supérieure Soziologie und gehört zu den Musterschülern, des französischen Intellektuellen Didier Eribon. Eddy hat in Paris seinen Namen in Édouard Louis ändern lassen und befindet sich in akademischen Verhältnissen, die in Diskrepanz zu der heimatlichen Arbeiterklasse stehen. Als Édouard auf seine Schwester, Clara und ihren Mann, Alain trifft, werden die Klassenunterschiede durch ihren Sprachgebrauch, Lebensstil und ihrer Kleidung deutlich. Über die gemeinsame Rekonstruktion von Édouards Vergewaltigung, erleben die Zuschauer den strukturellen Rassismus von der Polizei, dem Exekutivorgan des Staates. Édouard ist ein homosexueller Mann, der von einem algerischen Mann, laut der Polizei ein Mann „maghrebinischen Typus“, sexuell missbraucht wurde. Beide Männer kommen ursprünglich aus dem gleichen sozialen Milieu, weswegen Édouard Sympathien für das Verhalten von Reda zeigt. Er selber ist von den rassistischen Gesellschaftsstrukturen betroffen. Weg von den intransparenten Machtstrukturen, hinüber zu den Zeitsprüngen, die mehre Plots erlauben. In diesen Plots kann, vor allem der Schauspieler Christoph Gawenda in verschiedenen Rollen glänzen. Wie in der Rolle der Drag-Queen-Mutter von Clara und Édouard. Nach dem Alain (Gawenda) sich auf der Bühne zurechtgemacht hat, kehrt trans*-sie mit einem Wischmop zurück und wischt etwas weinerlich, aber dennoch emanzipiert den Boden. Sie arbeitet in der Pflege, um sich und ihre Kinder zu versorgen. Sie ist mit ihren Leben in der Arbeiterklasse unzufrieden und kämpft damit Tag für Tag. Schauspieler, Christoph Gawenda schafft es immer wieder mit seiner zynisch-humorvollen Art die traumatischen Erlebnisse von Édouard aufzulockern, egal in welcher Rolle. Aber auch Alina Stiegler, als Clara verkörpert mit ihrem Mann, Alain einen leicht amüsanten Haushalt, der etwas an die TV-Familie, die Flodders, erinnert. Clara bringt immer wieder die entstandene Diskrepanz zwischen Eddy und ihr auf den Punkt. Und holt den jungen Intellektuellen zurück in die Realität.

Im Herzen der Gewalt. Laurence Laufenberg, Alina Stiegler, Foto: Arno Declair.

Der französische Autor, Édouard Louis hat den Probenprozess zu „Im Herzen der Gewalt“ als Dramatiker begleitet und zusammen mit Thomas Ostermeier und dem Hausdramaturgen, Florian Borchmeyer die Textfassung für die deutschsprachige Bühne adaptiert. Sodass das Schauspiel, unter anderem als eine Aufarbeitung von traumatischen Erinnerungen wirkt, in der der Schauspieler Laurenz Laufenberg als perfektes Double von Édouard Louis durchgeht.

Zusammen erreicht das künstlerische Team eine schöne und unterhaltsame Adaption des Romans „Im Herzen der Gewalt“, auch wenn hin und wieder die unharmonischen choreografischen Elemente stören und weniger vorteilhaft für die Inszenierung sind.

Im Herzen der Gewalt |Schaubühne Berlin | 1.-4.7.2018, jeweils um 20 Uhr. Karten unter: 030-890023 oder ticket@schaubuehne.de

 

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