Theater der Unruhen

Das 55. Theatertreffen (4. bis 21.Mai 2018) zeigt im Rahmen der Berliner Festspiele seine Auswahl von 10 bemerkeswerten Inszenierungen aus der letzten Theatersaison.

Zerstreuung und Schnelligkeit sind zentrale Faktoren von unserer digitalen Gesellschaft, die geprägt ist von einer globalisierten Weltordnung, Vielzahl an Kriegen und klimatischen Krisen. Sie verursachen einen gesellschaftlichen Umschwung, zerstreuen Identitäten und beunruhigen die Weltbevölkerung. Diese Unruhe ist auch in der Theaterlandschaft spürbar. Ästhetiken, Thematiken und das Schauspiel deformieren sich und setzen sich in neue Formen zusammen. Aus den 409 deutschsprachigen Inszenierungen der letzten Theatersaison, hat die siebenköpfige Berliner Festspieljury (Margarete Affenzeller, Eva Behrendt, Wolfgang Höbel, Andreas Klaeui, Dorothea Marcus, Christian Rakow und Shirin Sojitrawalla) 10 bemerkenswerte Inszenierungen ausgewählt. Wie >>Woyzeck<< von Ulrich Rasche (Theater Basel) und >>Die Welt im Rücken<< von Jan Bosse (Wiener Burgtheater). Beide wurden im Rahmen des 55. Theatertreffens der Berliner Festspiele gezeigt und gekürt. Die Inszenierungen der Jury-Auswahl sind ein dramatischer Spiegel unserer Zeit, in der Mensch und Gesellschaft sich immer mehr in die Richtung eines Abgrunds bewegen. Sowohl Rasches >>Woyzeck<< (Theater Basel, 15. Sept. 2017) als auch die Inszenierung >>Die Welt im Rücken<< (UA Wiener Burgtheater, 11. März 2017) von Jan Bosse nehmen sich dieser Thematik an, verknüpfen sie mit gegensätzlichen Ästhetiken und zeigen dadurch wie vielfältig die deutschsprachige Theaterlandschaft ist. Der Regisseur und Bühnenbildner Ulrich Rasche sagt zu seiner eingeladenen Inszenierung >>Woyzeck<<, >>Wer sich nicht bewegt, fällt hinunter<<.

>>Woyzeck<<, Ensemble, Foto: Sandra Then.

Rasche hat für diese Inszenierung eine übergroße Drehschreibe konzipiert. Die Scheibe ist ständig im Betrieb. Sie dreht sich um ihre eigene Achse und lässt die Spieler im Kreis gehen und drehen. Die Schauspieler sind ganz in Schwarz gekleidet, uniform und werden in Rasches Inszenierung zu Artisten, die viel Körperkraft in ihre Bewegungen investieren. Sie haben keine Rollen, sie haben keine Persönlichkeiten und sprechen Büchners Text >>Woyzeck<< ohne Emotionen im Rhythmus ihrer langsamen Bewegungen. Durch ihre langsame Sprechweise, ist keine narrative Struktur erkennbar. Büchners Text >>Woyzeck<< bleibt in Rasches Inszenierung Fragment und behält seine rassistischen Ausdrücke, wie >>Zigeuner<<. Begleitet werden die Worte und Bewegungen der Schauspieler von Musikern (Katelyn King, Alexander Maschke, Sebastian Hirsig, Lucas Rössner, Theo Evers). Sie formen die Inszenierung >>Woyzeck<< zu einem performativen Klangbild, das über Musik Emotionen, Stimmungen und Spannungen erzeugt. Die Schauspieler werden nur durch ihre Stimmen zum Teil des Bildes, nicht aber durch ihre darzustellende Rolle oder ihr Kostüm. Erst im kurzen Auftritt von Florian von Manteuffel, der den Doktor in Rasches >>Woyzeck<< spielt, steht für einige Minuten am Berliner Premiereabend ein Charakter auf der Bühne und belebt die langatmige Performance. Für den Zuschauer entsteht das Gefühl, dass Rasche die Worte von Büchner, >>Langsam, Woyzeck, langsam; eins nach dem andern! Er macht mir ganz schwindlig.<< zu sehr beherzigt hat. Allein die Musiker erzeugen mit ihrem Klang Spannungen und tragen das Drehbühnen-Stück. Das Theater mehr sein kann, als eine drehende Schreibe, zeigen Regisseur Jan Bosse und der Schauspieler Joachim Meyerhoff beim 55. Theatertreffen in ihrer Adaption >>Die Welt im Rücken<<. Gemeinsam verarbeiten sie den autobiografischen Roman von Thomas Melle zu einer spannenden Entdeckungsreise in den Alltag eines manisch-depressiven Menschen, der von einem Hoch ins nächste emotionale Tief fällt. Thomas (Joachim Meyerhoff) ist ein bipolarer Autor, der während seiner Hochphasen Sex mit Madonna hat oder Thomas Bernhard in einem McDonald‘s am Wuppertaler Hauptbahnhof sieht. In seinen manischen Phasen trifft er Stars und Sternchen, hoppt von einer Party zur nächsten und kürt sich selber zum Messias.

>>Die Welt im Rücken<<, Joachim Meyerhoff, Foto: Rainer Werner.

Sein narzisstischer Größenwahn kennt keine Grenzen und keine Widerworte. Bis es zu einem nächsten Tief kommt. Und Thomas versucht sich zu suizidieren, in eine psychiatrische Klinik alias >>Sammelsurium der gescheiterten Existenzen<< eingewiesen wird und vom Arzt eine endogene Depression mit Schizo-Elementen pathologisiert bekommt. Sein Gefühlsleben erinnert an ein Ping-Pong-Spiel. Regisseur Bosse und Schauspieler Meyerhoff erfassen mit wenig aufwändigen Mitteln das chaotische Ungleichgewicht der Bodenstoffe eines bipolaren Menschen. Die Bühne ist meistens schlicht eingerichtet, oder leer. Licht und Requisiten unterstützen den Schauspieler Meyerhoff bei seinen fesselnden Monologen, Stimmungen oder Interaktionen mit dem Publikum. Während seiner manischen Phasen ist viel Licht im Einsatz und bei seinen emotionalen Tiefs dimmt das Licht. Meyerhoff schlüpft in unterschiedliche Rollen, spricht und agiert sehr lebendig und humorvoll. Er elektrisiert mit seiner mitreißenden One-Man-Show das Publikum und bringt es an passenden Momenten zum Lachen. Bosse und Meyerhoff haben mit ihrer Arbeit eine gelungene Adaption von >>Die Welt im Rücken<< geschaffen, in der die Intention des Romans und die packenden Worte von Melle auf den Punkt kommen, >>Etwas stimmte nicht – Ich meinte: mit der Welt. Er meinte natürlich mit mir!<<. Melles Roman >>Die Welt im Rücken<< und Georg Büchners >>Woyzeck<< zeigen beide zwei Menschen, die sich am Abgrund der Gesellschaft befinden und von dieser stigmatisiert und pathologisiert werden. Regisseur Rasche und Bosse greifen in ihren Arbeiten neue Ästhetiken und Herangehensweisen an das Thema Ausgrenzung auf, versuchen durch ihre Kreationen auf die gesellschaftliche Unruhe im Theater zu reagieren und sensibilisieren das Publikum für das gestörte System, in dem unter anderem ein Ungleichgewicht herrscht. Das 55. Theatertreffen der Berliner Festspiele hat mit seinem diesjährigen Programm ihren Besuchern erfolgreich einen guten Überblick über die deutschsprachige Theaterlandschaft gezeigt. Im nächsten Jahr findet das 56. Theatertreffen vom 3. bis 19. Mai 2019 statt und berücksichtigt Premieren, die im Zeitraum vom 22. Januar 2018 bis 20. Januar 2019 stattfinden.

55. Theatertreffen der Berliner Festspiele (4. bis 21.Mai 2018), weitere Spieltermine:

>>Woyzeck<<, Theater Basel, https://www.theater-basel.ch/Spielplan/Woyzeck/ozSASzSk/Pv4Ya/, Karten unter, Telefon: +41 (0) 61 29 511 33 und Mail: billettkasseætheater-basel.ch

>>Die Welt im Rücken<<, Wiener Burgtheater, 1., 8., 15., 26, Juni, Karten unter, Telefon: +43 (0)1 514 44-7810 und Mail: bestellbuero@burgtheater.at

 

*) Beitragsbild: >>Am Königsweg<<, Regie: Falk Richter, Schauspieler: Anne Müller, Benny Claessens, Tilman Strauß, Frank Willens, Frank Willens, Deutsches Schauspielhaus Hamburg, Foto: Arno Declair.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.