Die Revolution des toten Kindes

Ersan Mondtags Insassen stürzen in >>Das Internat<< die internen Machtverhältnisse und kehren das Spiel von Unterdrücker und Unterdrückten um.

>>Das Internat<<, Ensemble, Foto: Brigit Hupfeld.

Ein nackter Junge liegt im Schnee. Weitere Internatskinder stehen um ihn herum und demütigen ihn. Sie schlagen ihn und spucken auf ihn. Im Chor singen sie das Volkslied >>Bunt sind schon die Wälder<< vom Schweizer Dichter Johann Gandenz. >>Das Internat<<, so heißt Ersan Mondtags erste Inszenierung am Schauspiel Dortmund, erinnert an eine Disziplinaranstalt. Abgelegte Kinder werden von den elterlichen Werten der großen Internatskindern erzogen. Die elterliche Erziehung verlangt ein hohes Maß an Ordnung, die mit äußerster Disziplin unter Zuhilfenahme von Gewalt einzuhalten ist. Die Stimme eines toten Kindes umweht das Internat wie ein Wind. Seine Worte betten die Handlungen der Darsteller*innen in einem Rahmen. Als das tote Kind sich vorstellt, möchte es kaltes Kind genannt werden.

>>Das Internat<<, Ensemble, Foto: Brigit Hupfeld.

Das kalte Kind ist zurückgekehrt, um sich zu rächen. Es möchte Vergeltung an denen ausüben, die es bis zum Tod gefoltert haben. Das Kind wird die Macht stürzen und die Jugend gegen die Herrschenden revoltieren lassen. Dafür wird die Zeit rückwärts laufen. Veränderungen sind nur in der Vergangenheit möglich.

 

Nachwuchsregisseur Ersan Mondtag, der auch für Bühne und Kostüm verantwortlich ist, erarbeitet mit seiner Bildersprache ein hochkarätiges Gesamtkunstwerk. Seine artifizielle Ausdrucksweise spiegelt sich im routinierten und disziplinierten Alltag der Internatskinder, welche gemeinsam Essen, Lernen, Duschen und zu Bett gehen. Ohne viele Worte greift die Inszenierung gesellschaftspolitische Fragen aus der Gegenwart auf, wie beispielsweise: Was hält eine Gemeinschaft zusammen? Sind es Routine, Geheimnisse oder Qualen? Bildet die Masse eine Gesellschaft? Muss der Einzelne aus der Masse heraustreten, um eine gerechte Ordnung zu erzielen? Sind Widerstand und Revolte, das geeignete Mittel um Machtstrukturen zu durchbrechen? Kann ein Einzelner die Verhältnisse stürzen?

Der Stücktext >>Das Internat<< verfasst von den Dramaturgen Alexander Kerlin und Matthias Seier gibt den Bildern einen notwendigen Rahmen. Genau, wie die Musik des Komponisten T.D. Finck von Finckenstein, ergänzt der Text die Bilder der Bühne. Mondtags Inszenierung >>Das Internat<< erinnert an ein Bilderbuch. Es ist eine moderne und außergewöhnliche Herangehensweise an theatrale Strukturen. Das Bild tritt an die Stelle von Text und wird zum primären Ausdruck an diesem Abend. Mondtag erzählt mit seinem düsteren Bühnenbild und den uniformierten, sowie nackten Körpern –teilweise wird Nacktheit mit Ganzkörperanzügen mit Stoffgenitalien dargestellt– von einer Jugendvereinigung, die an eine Burschenschaft im Kriegszustand erinnert. Zu den Bühnenbildern werden auf einer Hauswand Ausschnitte aus der Gegenwart abgespielt, beispielsweise wie das Fahndungsvideo vom Berliner U-Bahn-Treter. >>Das Internat<< ist ein Abbild von gesellschaftlichen Machtstrukturen, in denen die Hierarchie die Masse drangsaliert. Ob es sinnvoll ist bei der Umkehr der Machtverhältnisse den Souverän zu drangsalieren, ist eine moralische Frage, die an diesen Abend unbeantwortet bleibt.

>>Das Internat<<, Schauspiel Dortmund, weitere Termine: 16.2.2018/ 10. und 11. 3.2018/ 27. und 28.4.2018/ 2. und 3.5.2018/ 13.5.2018/ 8.6.2018/ 23.6.2018/ 8. und 11.7.2018. Karten unter Tel. (0231) 5 02 72 22.

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