Die Hoffnung stirbt zuletzt

Regisseur Thomas Ostermeier adaptiert den autobiografischen Roman >>RÜCKKEHR NACH REIMS<< von Didier Eribon und begibt sich gemeinsam mit Eribon und der Schauspielerin Nina Hoss auf die Suche nach Heimat und dem Niedergang der Sozialisten.

Obwohl der Roman >>RÜCKKEHR NACH REIMS<< ein autobiografischer Roman des französischen Philosophen Didier Eribon ist, spricht er alle Individuen an, die sich aus ihren sozialisierten Strukturen lösen mussten, um sich selbst zu finden. Eribon stammt aus der französischen Arbeiterstadt Reims. Sein Vater war Fabrikarbeiter und seine Mutter Putzfrau. Seine Geschwister gehören ebenfalls der Arbeiterklasse an. Früher wählten die französischen Arbeiter die Kommunisten und lehnten sich gegen die Bourgeoisie auf. Sie identifizierten sich mit der kommunistischen Partei, die sie zu politischen Subjekten machte. Beeindruckt von der politischen Kraft der Arbeiter und von den linksintellektuellen Schriften, strebte der junge Eribon nach dem Leben eines Intellektuellen. Er wurde Marxist und entdeckte in jungen Jahren seine Homosexualität, die er nur eingeschränkt in Reims ausleben konnte. Nach und nach distanzierte sich Eribon von seiner Familie und von der Klasse der Arbeiter. Er ging nach Paris und wurde dort als Biograf des Philosophen Michel Foucault berühmt. Heute zählt er zu den französischen Intellektuellen, zur Elite und ist ein bedeutender Philosoph und Soziologe. Er hat sich von der Schicht der Arbeiter, von seiner Herkunft und von seiner Familie lösen müssen, um sich in den Reihen der Akademiker integrieren zu können. Eribon hat nichts mehr mit seiner Familie gemeinsam.

>>Rückkehr nach Reims<< Nina Hoss, Foto: Arno Declair.
>>Rückkehr nach Reims<< Nina Hoss, Foto: Arno Declair.

 

Er hatte jahrelang keinen Kontakt zu seiner Familie. Während seiner Abwesenheit ist  sein Vater verstorben. Der Regisseur Thomas Ostermeier schaffte es Eribon für seine Inszenierung >>RÜCKKEHR NACH REIMS<< (UA Manchester International Festival (MIF) Juli 2017) zu gewinnen. Gemeinsam begeben sie sich auf eine Erinnerungsreise, in der Eribon in seine Heimatstadt Reims zurückkehrt, seine Mutter besucht und den Spuren des europäischen Rechtsruck auf den Grund geht. Aus der Erinnerungsreise ist ein Film (Thomas Ostermeier und Sébastien Dupouey) entstanden, der in Ostermeiers Inszenierung >>RÜCKKEHR NACH REIMS<< zu einem dokumentarischen Essay verarbeitet wird. Im Schauspiel möchte der Filmregisseur (Hans-Jochen Wagner) Eribons Roman >>RÜCKKEHR NACH REIMS<< adaptieren, dafür engagiert er die Schauspielerin Katrin (Nina Hoss), die den Roman auf das vorhandene Filmmaterial einsprechen soll. Zusammen mit dem Tontechniker (Renato Schuch) erarbeiten sie Eribons Erinnerungsreise in eine dokumentarische Niedergangserzählung des Sozialismus. Sie beschreiben einen Sozialismus, der sich nach rechts bewegt und eine Arbeiterklasse, die ihr politisches Bewusstsein an die Bourgeoisie abgegeben hat und nun konstruierten Phantasmen, wie >>Ausländer<<, >>Flüchtlinge<< und >>Nation<< hinterher jagt. Innerhalb der Produktion kommt es zwischen den Beteiligten zu Streitereien, unter anderem weil Katrin den Film hoffnungslos findet, weil Eribons Familie sich aufgegeben hat. Es scheint, als gäbe es keinen anderen Ausweg für die Arbeiterklasse, als sich mit den Rechten zu sympathisieren. Das macht Katrin sauer, weswegen sie sich von ihrer Rolle als Katrin entfremdet und nun beginnt als Schauspielerin Nina Hoss von ihren Vater, Willi Hoss zu erzählen. Willi Hoss sei auch Arbeiter gewesen, aber er habe sich nicht selbst aufgegeben, sondern hat als Kommunist bei Daimler Benz für die Rechte der Gastarbeiter gekämpft. Er hat die Grünen mitgegründet und sich für den Regenwald in Brasilien engagiert.

Ostermeiers Inszenierung >>RÜCKKEHR NACH REIMS<< ist eine spannende, humorvolle und gelungene Adaption, die neben Eribons Erinnerungsreise in seine Heimat und seinen gesellschaftsanalytischen Ableitungen aus der Scham seiner Sexualität und seiner Armut, den Niedergang der Sozialdemokraten darstellt, wie es in Deutschland mit der Agenda 2010 unter Gerhard Schröder passiert ist. Nina Hoss spielt sehr authentisch die Rolle der Katrin, sodass während des Spiels ein Moment der Entfremdung stattfindet, als Nina Hoss in Persona beginnt von der Vergangenheit ihres Vaters, Willi Hoss, zu sprechen. Hoss Stimme ist elektrisierend, fesselt an die Filmaufnahmen und den Text von Eribon. Sie ermöglicht dadurch eine Empathie mit Eribon, aber auch mit seiner Familie, wodurch die Tragik des Ganzen spürbar wird. Ostermeier verschränkt Film und Schauspiel zu einem Element, schafft aber dennoch zwei unterschiedliche Ausgangsmöglichkeiten aus dem Drama, wie die filmische Selbstaufgabe der Familie Eribon oder wie die im Schauspiel erzählte Auflehnung gegen die herrschenden Verhältnisse von Willi Hoss. Dem Zuschauer bleibt es überlassen, welchen Ausgang er aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit wählt.

>>RÜCKKEHR NACH REIMS<<| Schaubühne Berlin| 22.11. um 20.00 Uhr, 25.-28.11. jeweils um 19.30 Uhr| Karten unter: ticket@schaubuehne.de oder 030-890023

 

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