Sündenfall: Mensch!

Regisseur Dušan David Pařízek und Schauspielerin Stefanie Reinsperger präsentieren Peter Handkes >>Selbstbezichtigung<< am Berliner Ensemble.

Nachdem der Autor Peter Handke mit seiner >>Publikumsbeschimpfung<< die Zuschauer zurecht gewiesen hat, bezichtigt er nun die Schauspieler. In seinem Drama >>Selbstbezichtigung<<, das Gegenstück zur >>Publikumsbeschimpfung<<, steht die Bühne vor Gericht und das Publikum wird zur höchsten Instanz aufgewertet. Sie stellen die Ordnung und das Recht wieder her. Der Zuschauerraum ist transzendental und Gericht zugleich. Die sprechenden Schauspieler sind durch den Gebrauch der Sprache unausweichlich schuldig geworden. Nun bekennen sie sich vor ihrem Adressaten zu ihrer schuldhaften Entwicklung. Der Regisseur Pařízek hat für seine Inszenierung >>Selbstbezichtigung<< (UA 31. Oktober 2015 Volkstheater Wien) mit der Schauspielerin Stefanie Reinsperger gearbeitet. Reinsperger, die zurecht unter anderem 2015 zur Schauspielerin des Jahres ausgezeichnet wurde, verteilt vor Beginn ihrer Bezichtigung Äpfel im Zuschauerraum; theologisch betrachten, besitzt der Zuschauer nun die Fähigkeit über Gut und Böse zu urteilen. Mit dieser Gabe ausgestattet, macht sich die Schauspielerin auf den Weg zur Bühne, auf der sie geboren wird. Zusammengekauert in Embryo-Stellung liegt sie auf den Boden. Bis sich ihres Selbst bewusst wird. Pflichtbewusst wird und gesellschaftsfähig ist.

>>Ich bin geboren worden. Ich bin in das Geburtenregister eingetragen worden. Ich bin älter geworden. Ich bin verantwortlich geworden. Ich bin schuldig geworden.<< (>>Selbstbezichtigung<<, Peter Handke)

Regisseur und Schauspielerin erarbeiten gemeinsam eine Inszenierung, in der die sprachkritische Sprecherin auf der Bühne als Schauspielerin geboren wird und eine persönliche Geschichte bekommt. Während der Entwicklung zum selbstbewussten Subjekt, werden Kinderbilder von Stefanie Reinsperger auf die Leinwand projiziert und als Reinsperger sich selbst bezichtigt, nimmt sie über Videoeinspielungen ihrer ehemaligen sprechenden Rollen Bezug aufs schuldige Ich, das damals gespielt hat und auf die Selbstreferentialität, die sich selbst in Paradoxien verstrickt. Beispielsweise sagt Reinsperger: >>Ich habe gespielt. Ich habe falsch gespielt.<< oder >>Ich habe den Zeigefinger moralisch genannt<<.

>>Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt. Wovon man nicht sprechen kann, muß man schweigen. Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.) Er muss diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig. << (>>Tractatus<<, Ludwig Wittgenstein)

Ferner geht sie von der Sprachkritik und ihrer Offenbarung, dass sie die Sprache nicht richtig gebraucht habe über zu Konventionen, die sie nicht ordnungsgemäß angewendet habe, wie >>Ich habe das Obst nicht gewaschen<< oder >>Ich habe das Haarwasser nicht geschüttelt<<. Reinsperger spitzt es soweit zu, dass sie fast in Tränen ausbricht, als sie sagt: >>Ich habe nicht mit Messer und Gabel gegessen.<<. Handkes Text wird grandios von der Schauspielerin Stefanie Reinsperger gespielt und gesprochen. Sie spielt mit viel Humor, lässt einiges sarkastisch und zynisch wirken, was dem Text die Komplexität nimmt und ihn dadurch zugänglich und verständlich macht. Verschiedene Charaktere mit unterschiedlichen Emotionen -durch eine Schauspielerin- scheinen manchmal auf der Bühne zu stehen. Reinsperger verkörpert den Text regelrecht und zeigt somit unter anderem auf, dass Sprache und (Einhalten oder Nicht-Einhalten von) Konventionen das Selbstbild formen, sowie der Mensch mit dem Eintritt in die Mündigkeit schuldig gesprochen werden kann; was das Publikum an diesen Abend aber nicht vorhatte. Stattdessen gab es große Ovationen. Und das Bekenntnis, dass Pařízeks Inzenierung und die Schauspielerin Stefanie Reinsperger ein Traum von Sprechtheater sind.

>>SELBSTBEZICHTIGUNG<<| Berliner Ensemble| 5.11., 8.11., 9.11.2017 jeweils um 20.00 Uhr | Karten unter: theaterkasse@berliner-ensemble.de oder 030/ 284 08 155

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