Theater trifft politische Bildung

Vom 1.-3. Oktober 2017 haben die Heinrich Böll Stiftung Berlin und das Schauspiel Dortmund sich die Frage gestellt: Kann Theater ein Ort der Bildung und Aufklärung sein?

Die Vorstellung von darstellender Kunst ist eng mit dem Wunsch nach kultureller Wirksamkeit verbunden; so ist das Schauspiel für den Dramatiker Friedrich Schiller ein Ort der Aufklärung und eine moralisch-politische Anstalt. Heutzutage ist nicht allein der Ort Theater eine moralisch-politische Anstalt, sondern es kommt immer häufiger auf den geschaffenen Raum, den Ort, die Methode und die Art und Weise des Schauspiels an. Das MOBILIZE!-Event >>Moralische Anstalt 2.0 – Theater trifft politische Bildung<< initiiert von der Heinrich Böll Stiftung Berlin und dem Schauspiel Dortmund, versuchte vom 1.-3.Oktober 2017 in den Räumlichkeiten der Heinrich Böll Stiftung die Frage nach dem Theater als moralische Anstalt auf den Grund zu gehen. Innerhalb von drei Tagen fanden Diskussionen, Vorträge und Inszenierung zu den Thema: Theater trifft politische Bildung statt. Den Anfang eröffnete der junge Regisseur Arne Vogelgesang mit seiner Video-Lecture-Performance >>FLAMMENDE KÖPFE<<, in der er den Zuschauern rechte Propaganda-Strukturen und Charaktere aus der digitalen Welt vorstellte. Schon bevor die AfD gewählt wurde, war im Netz Rassismus salonfähig und Stammtischparolen gehörten zum Alltag. Welche Auswirkungen der rechte online Extremismus hat, lässt sich an der vergangenen Bundestagswahl erkennen, in dem wieder offiziell Nationalsozialisten sitzen. Die erste Diskussionsrunde befasste sich mit dem Leitmotiv der Veranstaltung: >>Theater trifft politische Bildung<< und Esther Slevogt (Redakteurin und Geschäftsführerin von nachtkritik.de) begrüßte Kay Voges (Intendant Schauspiel Dortmund), Ulrich Khoun (Präsident des Deutschen Bühnenvereins) und Ellen Ueberschär (Vorstand Heinrich Böll Stiftung). Slevogt fragte in die Runde: >>Kann Theater uns zu besseren Menschen machen?<<, Khoun bezog sich auf Schiller bei dem Theater versucht eine Synthese zwischen Denken und Gefühl herzustellen. Voges findet, dass es heute nicht mehr ums Wissen, sondern ums Verstehen geht. Wir befinden uns in einem Zeitalter, in dem Globalisierung, Digitalität, Beschleunigung und technischer Fortschritt uns keine Zeit und keinen Raum für Verständnis und für Verstehen geben, sodass wir Existenzangst empfinden. Das Theater kann einen Raum fürs Verstehen bieten und ist insofern eine Anstalt der Aufklärung. Allein pro Sekunde werden 70 Stunden Material in die digitale Welt geladen; wir ertrinken im Chaos und können vor lauter Wahrheiten, keine Wahrheit erkennen. Ferner kann Theater auch einen Ort der Debatte schaffen und Menschen politisch mobilisieren. Beispielsweise ist das Schauspiel Dortmund enger Kooperationspartner des PENG!-Kollektiv, welches politische Aktionskunst betreibt und im Juni 2016 hat das Schauspiel Dortmund mit dem Künstlerkollektiv Tools for Action eine Spiegelbarrikade aus mit luftbefüllten Würfeln gegen den europaweiten Naziaufmarsch in Dortmund choreographiert Für Ueberschär müssen vor allem die Menschen selber aktiv werden und sich politisch engagieren, weil der Staat kein Pizzalieferdienst ist, den mensch bei nicht gefallen nicht einfach so wechseln kann. Am Folgetag fragte die Professorin Dr. Ingrid Hentschel (FH Bielefeld) während der Tagung in ihrem Vortrag >>Vielfalt statt Einfalt – Potentiale des Theaters 2.0<<, ob wir ein inklusives Theater brauchen. Verschiedenheit ist ihrer Meinung nach eine Bereicherung. Menschen mit Behinderungen sollten aber nicht nur in künstlerische Prozesse integriert und involviert werden, sodass sie sich partizipieren, sondern sie sollten auch selber in künstlerischen Betrieben arbeiten und dafür müssen Möglichkeiten geschaffen werden. Weiter ging Dr. Hentschel auf den Partizipationsbegriff generell ein; weil künstlerische Prozesse heutzutage einfach nur abgearbeitet werden, meistens nach Zielgruppen und Erfolg streben, ohne den Prozess als künstlerischen Akt zu begreifen. Dies liegt vor allem an beschleunigte Produktionsprozesse und geringe bis unausgewogene Verteilung an Gelder. Die Veranstaltung endete am 2. Oktober mit Marcus Lobbes Inszenierung >>TRUMP<<. Eine fingierte Wahlkampfparty  auf der neben patriotischen US-Flair, Hot-Dogs und Popcorn, das Phänomen >>Donald Trump<< hinterfragt wurde, und schließlich über ein >>Ja, so ist unser Donald<< hinausging. Der abschließende Tag stand ganz im Zeichen von Journalismus und Performanz, hier erläuterte der Journalist Martin Kaul (u.a. soziale Bewegung und taz), wie er über die Videoliveübertragungs-App Periscope den G20-Gipfel, der in Hamburg stattgefunden hat, im Netz übertragen hat und welche Rolle journalistische Berichterstattung in Echt-Zeit zugemessen werden kann. Beispielsweise verfügt die App Periscope über eine Kommentarfunktion, sodass Kaul immer wieder über Dinge auf den laufenden gehalten wurde, die er momentan nicht wahrnehmen konnte. Er bekam von seinen Followern immer wieder Hinweise oder Ratschläge, welchen Ort er aufsuchen sollte. Periscope könnte eine neue Form von interaktiven Journalismus in Echt-Zeit mit sich bringen, in dem Konsumenten und Journalisten miteinander eine Berichterstattung erstellen. Einen weiteren spannenden Vortrag lieferte Ruben Neugebauer (Sprecher SEA WATCH e.V.) über die kritische Lage im Mittelmeer und den Verein Sea Watch e.V., der sich 2014 aufgrund des Versagens der Europäischen Union geflüchteten Menschen auf den Mittelmeer vor dem Ertrinken zu retten, gegründet hat. Die NGO ist erfolgreich in ihren Seerettungen, auch wenn sie immer wieder von Staaten, Grenzschutzagenturen oder identitäre Bewegungen bei der Rettung von Menschenleben gehindert werden. Momentan wird ihr Schiff Juventa von Geheimdiensten überwacht; die europäische Union sieht es nicht gern, wenn Organisationen oder Einzelpersonen versuchen ihr Konzept des Sterbens auf dem Mittelmeer zu durchbrechen. Dennoch schafft es die NGO pro Tag knapp 500 Menschen zu retten und hat bislang 30 000 Menschen vorm Ertrinken bewahrt. SEA WATCH verfügt mittlerweile über drei Schiffe und einen Helikopter mit dem sie über das gesamte Einsatzgebiet Lauftaufklärung leisten können. Über weitere Unterstützung freut sich SEA WATCH: https://sea-watch.org/unterstuetzer/. Angeregt von Neugebauers Vortrag über die tragischen Verhältnissen an den europäischen Außengrenzen, folgt Kay Voges Inszenierung >>DIE SCHWARZE FLOTTE<<, in der ein Journalist die Handelsroute >>Mittelmeer<< erkundet und nach den Frachtern fragt, die Menschen, Waffen und Drogen schmuggeln. >>DIE SCHWARZE FLOTTE<< ist eine Produktion vom Schauspiel Dortmund und dem Rechercheverbund CORRECT!V und stellt den Höhepunkt der Tagung >>Moralische Anstalt 2.0 – Theater trifft politische Bildung (…)<< dar, weil hier ganz deutlich wird, dass Theater mehr als ein Unterhaltungsmedium sein kann. Theater kann ein Ort der Aufklärung sein und uns die Möglichkeit geben die Welt zu verstehen. Somit war das MOBILIZE! Event des Schauspiel Dortmunds und der Heinrich Böll Stiftung ein grandioser Erfolg.

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