Tod ist Luxus

In der Ausstellung >>ART WITHOUT DEATH: RUSSISCHER KOSMISMUS<< (1.9. – 3.10.2017) verknüpft das Berliner Haus der Kulturen der Welt  Bilder aus der Sammlung Costakis unter dem Kurator Boris Groys, Filme von Anton Vidokle und eine Installation von Arseny Zhilyaev. Die Arbeiten der Avantgarde befassen sich mit dem russischen Kosmismus, welcher sich nach der Unsterblichkeit und der Gleichheit der Menschen sehnt.

Versetzt in andere Welten, die von den Farben schwarz, blau, rot dominiert werden und das Licht als revolutionären Moment des Lebens sehen. Die Ausstellung >>ART WITHOUT DEATH<< konfrontiert die Zuschauer mit den Sehnsüchten der russischen Kosmisten. Dafür ist sie in drei Räume und in die Bereiche Film, Installation und Bilder unterteilt, die gemeinsam dem Unsterblichkeitsgedanken, dem Wunsch nach sozialer Gleichheit und dem Reisen im All, sowie der Wiederauferstehung der Toten auf den Grund gehen. Der Philosoph Nikolai Fjodorow (1829-1903) erhoffte sich durch die neue Technologien eine Möglichkeit den Tod zu überwinden und Gestorbene zurück ins Leben zu holen. Um eine Überbevölkerung zu vermeiden, würden neue Planeten besiedelt werden; weshalb sich die Kosmisten mit dem Weltall stark verbunden fühlten.

>>Ein Mensch ist nicht nur ein irdisches, sondern auch ein kosmisches Wesen und über alle Moleküle und Teilchen seines Körpers mit dem Kosmos verbunden: mit den kosmischen Strahlen, Strömen und Feldern.<< (Alexander Tschishewski)

Nach Fjodorow sei der Tod ein Fehler in der Schöpfung des Menschen, weil kosmische Energien unzerstörbar sind. Und echte soziale Gleichheit heißt Unsterblichkeit für alle, unter anderem auch für transsexuelle Menschen. Besonders gut werden Fjodorows Gedanken in dem Film >>This is Cosmos<< (2014), dem ersten Teil der Filmtriologie von dem Künstler Anton Vidokle erkennbar. Vidokle bereist mit seiner Kamera die Länder Sibirien, Kasachstan, Moskau und Archangelsk, um den Spuren des Kosmismus näher zu kommen. Unterfüttert werden die Bilder mit Zitaten und darstellenden Elementen, sodass der Film futuristisch wirkt. Wie aus einer anderen Zeit fühlen sich auch die weiteren Filme >>The Communist Revolution was caused by the sun<< (2015)  und >>Immortality and Ressurrection for All!<< (2017) an. Im letzten Teil der Triologie befasst sich Vidokle mit Museen, die sich als Ort des Toten verstehen. Das Museum konserviert ungebraucht Totes und lässt es dadurch neu auferstehen. Besonders beeindruckend ist der zweite Teil der Triologie >>The Communist Revolution was caused by the sun<< (2015), in dem der Regisseur sich mit der poetischen Dimension der Sonnenkosmologie von Alexander Tschishewski, ein sowjetischer Biophysiker, befasst und dem Zuschauer vermittelt, dass der Tod eigentlich Luxus sei, in dem er Parallelen vom heutigen Leben und postsowjetischen Leben zieht. Dafür verwendet er das ausdrucksstarke Bild vom industriellen Schlachten von Schweinen. Über ein  Fließband werden den Tieren reihenweise die Halsschlagader mit einem industriellen Messer aufgeschnitten, ihr Blut tropft in einer Wanne zu einer Lache zusammen. Weiter ziehen die toten Tiere zu dem Schlachter, der ihnen restliche Borsten abbrennt, industriell zerschneidet, in eine Wanne voll kochendes Wasser platziert und sie zu essbarer Materie verarbeitet. Töten und der Tod sind keine natürlichen Elemente des Daseins mehr; vielmehr symbolisieren sie unsere Wohlstandgesellschaft, die weder Natur, Tier, noch Mensch achtet und ohne Rücksicht Todesurteile erteilt, sei es die Massentötung im Schlachthaus, Syrien oder im Mittelmeer.

Zu den Filmen und der Installation im Foyer des HKW, befindet sich >>The Cosmic Imagination<<, die eine Auswahl von Werken aus dem Staatlichen Museum für Zeitgenössische Kunst Thessaloniki zeigt. Kuratiert wurde die Auswahl von den Philosophen Boris Groys, der aus der größten Sammlung der russischen Avantgarde außerhalb Russlands, eine Sammlung zusammengestellt hat, die über die Biopolitik der Unsterblichkeit mit der Idee vom Leben im Kosmos in Berührung kam und sich über Geometrie, Automatismus, Maschinen in den Farben Blau, Schwarz, Rot dem Leben im Kosmos näherte. Das Bild >>Dynamit<< (1922) von Kliment Redko fasziniert in seiner zentralen Farbwauswahl von Schwarz, Blau, Rot. Es schafft mit seiner geometrischen Form und dem gemalten Lichtstrahl den Betrachter ins Weltall zu versetzen und greift damit die Idee des Leben im Kosmos auf. Genau wie >>Rotes Licht<< (1923) von Iwan Kljun, welcher über die Anlehnung an das Schwarze Quadrat  (1913) von Kasimir Malewitsch aus der Oper >>Sieg über die Sonne<< (1913) und dem Einsatz der Farbe Rot, ein Leben im All malt, das zugleich dem Wunsch nach unsterblichen Leben weckt.

>>Rotes Licht<< (1923) von Iwan Kljun
>>Rotes Licht<< (1923) von Iwan Kljun

Andere Bilder, wie die >>Konstruktion<< (1922) von Gustav Klutsis und >>Konstruktion auf weißem Grund<< (1920) von Alexander Rodchenko widmen sich mehr neuer Technologien und der gesellschaftlichen Entwicklungen,  Verstädterung und Automatismus.

Als Gesamtes verführt das HKW mit der Ausstellung die >>ART WITHOUT DEATH: RUSSISCHER KOSMISMUS<< in andere futuristische Welten, die den Tod als Fehler in der Schöpfung begreifen und über die Sterblichkeit hinaus eine Gesellschaft nach sozialer Gleichheit entwickeln, die Platzmangel mit der Besiedelung anderer Planeten löst. Vielleicht wären die utopischen Vorstellungen der russischen Kosmisten eine anstrebbare Zukunft für unsere Gesellschaft; wünschenswert wäre es auf jeden Fall. Denn den Tod können wir uns nicht länger leisten.

ART WITHOUT DEATH: RUSSISCHER KOSMISMUS | Haus der Kulturen der Welt| 1.9. – 3.10.2017 mit Führungen am 24.9. (DE) und 1.10.2017 (EN) jeweils um 15 Uhr| Karten unter: 030-39 78 71 75 oder tickets@hkw.de.

 

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