Voyeurismus in Dystopia

Angekommen beim 54. Berliner Theatertreffen 2017 begrüßen Regisseur Kay Voges und sein Dortmunder Schauspielensemble die Zuschauer zum 21. Versuch der Dystopie >>Borderline Prozession<<.

>>Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde; die Erde aber war wüst und leer, Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser. Die Schöpfung erfolgt aus dem Chaos. Gott sprach. Es werde Licht. Und es wurde Licht<<, so tippt und spricht die Schauspielerin Bettina Lieder im Studierzimmer. Langsam geht die Prozession mit den 23 Schauspielern, die mehrmals um die Grenze zwischen Zuschauerraum und Bühnenraum (Michael Sieberock-Serafimowitsch) zieht, zu Ende. Kurze Einblendung: 65 %, Emmanuel Macron ist neuer französischer Präsident. – Zum Glück leben wir in einer Demokratie! – Alle in Dystopia gehen auf ihre Position und der Alltag beginnt. Der Zuschauer bekannt als ästhetischer Voyeur schaut diesmal auf ein Gebäudekomplex von 10 verschiedenen Räumen auf knapp 50 Charaktere, die sich meist ohne Worte im Loop in ihrer Rolle bewegen und dem Zuschauer die routinierte Welt widerspiegeln. Da wäre einmal im Inneren der >>Gated Community<< das Ehepaar, welches in der Küche zusammen zu Abend isst, während die Geliebte durch das Fenster schaut. Neben an der junge Herr – vermutlich Waffenschmuggler –, der nach seinem Krafttraining in den Whirlpool steigt. Das Wohnzimmer mit der Mutter , die ihren behinderten Sohn emotional vernachlässigt. Und im Schlafzimmer das frustrierte Paar, in dem der Mann sich seine Neigung zu Frauenkleidern gesteht. Als Gegenzug im Bad, zwei Liebende. Jeder in seinem alltäglichen Trott gefangen; wie der Mann in der Küche. Täglich geht er zur Arbeit. Hinaus aus der sicheren >>Gated Community<< auf die dunkle Straße des Elends, in der Armut und Gewalt herrschen. Die Schattenseiten des Daseins bekomme ich von meiner konservativen Seite nur über 3-5 Bildschirme mit. Selektierte Bilder. Untermalt mit Texten von u.a. Montaigne, Alexander Kluge, Goethe. Nicht möglich das Ganze zu erfassen. Bitte, wechseln Sie Ihre Perspektive!

 

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Foto: Birgit Hupf

Unter dem Motto: >>Ein Loop um das, was uns trennt<< maschieren die Schauspieler am Rand des Zuschauerraums und ziehen eine Grenze. Die Grenzen und die Perspektiven sind die zentralen Leitgedanken des Abends, den unter anderem der Regisseur Kay Voges und seine beiden Dramaturgen Dirk Baumann und Alexander Kerlin gestaltet haben. Über die verschieden Perspektiven nehmen die Zuschauer unterschiedliche selektierte Bilder – auch über 6-10 Bildschirmen – war, konstruieren dadurch ihre eigene Welt, ihre eigene Geschichte und versuchen das Ganze zu fassen, was nicht möglich ist. Wir erkennen nie das ganze Bild, sondern uns erscheint die Realität immer nur in Teilen. Die >>Borderline Prozession<< ist eine Analogie zum Leben, in dem wir im routinierten Sein –wie Sisyphos – untergehen. Das Leben ist ein Loop. Und wir sollten diese Gelegenheit nutzen um genauer hinzusehen. Die Perspektive zu ändern, damit wir Menschen und unsere Umwelt zu verstehen und zu fassen bekommen.

Kay Voges leistet mit seinem Dortmunder Team großartiges >>Total Theater<< bei dem man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt, weil es so viel zu entdecken gibt, wie (klassisches) Bühnenspiel, Live-Cam, Live-Text, Soundtrack. Jeder Zuschauer schafft sich über diese Elemente und seine Wahrnehmung seine eigene Dystopie. Etwas Schade – aber verständlich – habe ich die Passivität des Zuschauers empfunden. Gerne wäre ich mehr als Voyeur gewesen und hätte mir am Kiosk etwas gekauft, im Whirlpool Platz genommen oder der vergewaltigten Frau geholfen.

>>BORDERLINE PROZESSION<<|Theatertreffen Berlin (7.-11.5.2017, 20-22.45h) in den Rathenau-Hallen| Karten unter: +49 30 254 89-100 oder https://tickets.kbb.eu/kbb.webshop/webticket/eventlist?tokenName=CSRFTOKEN&language=de&production=623

>>BORDERLINE PROZESSION<<| Schauspiel Dortmund| 14. Mai, 5. Juni und 6. Juli 2017, jeweils um 19.30h + 18.45h Einführung| Karten unter: https://www.theaterdo.de/detail/event/16826/

 

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