Unsere drei Huren: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit gehen wieder anschaffen!

Die junge Regisseurin Milzgin Bilmen inszeniert Heiner Müllers „Der Auftrag“ am Schauspiel Frankfurt am 10.5.2015 (Premiere) und lässt dort die BOX zum Erfahrungsraum für Darsteller und Zuschauer werden, in dem über die europäisch-revolutionäre Weltanschauung reflektiert wird und die Frage offen steht: Wann ist der Mensch ein Mensch?

Angekommen im Vorraum der Box, sitzt ein in weiß-gekleideter Mann auf den eleganten Marmortreppen. Vor ihm befindet sich eine Schüssel Wasser. Kaum Platz genommen, geht das Licht aus und zwei Türen öffnen sich und offenbaren weißes Röhrenlicht. In diesem hellen Schein stehen Menschen, die in ein herabhängendes Mikrofon den Prolog von Heiner Müllers „Der Auftrag – Erinnerung an eine Revolution“ wiedergeben. Diese einleitende Szene verweist auf das Motiv aus der Erzählung „Das Licht auf dem Galgen“ von Anna Seghers, welches Müller in seinem Drama „Der Auftrag“ eingearbeitet hat. Schon am Anfang lässt die Regisseurin ihre Begeisterung für das Spiel mit Licht erkennen, in dem sie mit Ständern arbeitet an denen Röhrenlichter oder Scheinwerfer befestigt sind. Immer wieder unterstreicht sie die emotionale Stimmung der Szenen und der Monologe mit kalten Röhrenlicht oder warmen Scheinwerferlicht, wie beispielsweise bei Müllers „Fahrstuhl-Monolog“ mit seinen einprägenden Satz „FÜNF MINUTEN VOR DER ZEIT | IST DIE WAHRE PÜNKTLICHKEIT.“, bei dem der Darsteller (Isaak Dentler) minutenlang vor dem Röhrenlicht-Ständer unter anderem marschiert und den Raum mit Kälte und Disziplin füllt, sodass assoziativ der Zeitdruck unserer Leistungsgesellschaft erkenntlich wird; vor allem in Frankfurt, wo das Schauspiel sich zwischen den Bankentürmen befindet.

sf_presse_auftrag_1242a
Isaak_Dentler_Foto:Birgit_Hupfeld

Generell arbeitet die Regisseurin Bilmen mit schlichten Requisiten, Kostümen (Janina Badhuber) und Bühnenbild (Sabine Mäder), wie Körperfarbe, Licht, spärlichen Musikeinsätzen – die ruhig hätten ganz wegfallen können – und erreicht dadurch eine ausdrucksstarke und textbezogene Inszenierung von Müllers „Der Auftrag“, wobei die Regisseurin auch weitere Texte von Müller eingebaut hat, wie die „Hamletmaschine“. Neben der Auseinandersetzung mit dem Foyer der Box und der Box als Spielraum und dem Licht als weitere Ausdrucksebene, eröffnete Bilmen mit dem farbigen Darsteller Amel-Logan Breudji nicht nur eine weitere Ebene, in der Klang als Stilelement im Form einer Fremdsprache auftritt, sondern greift gleichzeitig mit seinem Bühnenauftritt die politische Problematik der Stadttheater auf, in denen farbige nur in wenigen Rollen eine Stimme bekommen. „Ach Debuisson. Ich habe es dir gesagt, sie ist eine Hure. (…) Die Sklaverei ist ein Naturgesetz, alt wie die Menschheit. (…) Warum sollen sie Menschen sein, weil es in Frankreich auf einem Papier steht.“

sf_presse_auftrag_0545a
Ensemble_Foto:Birgit_Hupfeld

Heiner Müllers Drama „Der Auftrag – Erinnerungen an eine Revolution“ spielt zur Zeit der französischen Revolution. Drei Emissäre Debuisson, Galloudec und Sasportas erhalten von der französischen Regierung den Auftrag, einen Sklavenaufstand auf Jamaika zu initiieren. Zwischenzeitlich übernimmt jedoch Napoléon in Frankreich die Macht und der Auftrag wird hinfällig. Erst in der Exposition erfährt der ehemalige Auftraggeber Antoine durch einen Brief von Galloudec, dass der Auftrag gescheitert ist, sodass die eigentliche Handlung in Form einer Rückblende erzählt wird. In Bilmens Inszenierung stehen Verrat und der korrupte Mensch im Zentrum, sowie Müllers Anliegen Geschichte und nicht Geschichten zu erzählen, sodass die Verwendung von Fremdtexten dieses Anliegen unterstreicht. Mit der spärlichen Verwendung von Requisiten und den schlichten Bühnenraum – dies ist sehr positiv gemeint – gelingt es Bilmen Müllers Text und Sprache in den Vordergrund zu stellen und schafft somit einen Erfahrungsraum für Darsteller und Zuschauer, in dem Müllers Worte endlich mal zu Wort kommen: „Frei sind wir hier nur, weil wir all jene ausklammern, die es nicht sind. Der Reichtum der kapitalistischen Staaten basiert auf dem Elend der Dritten Welt. Es ist einfach lächerlich, wenn in Afrika die Leute vor Hunger krepieren, während man hier drüben nachdenkt, wie man die landwirtschaftliche Produktion drosseln könnte. […] In allen Gossen haben sie sich gewälzt, alle Rinnsteine der Welt sind sie hingeschwommen, geschleift durch alle Bordelle, unsere Hure die Freiheit, unsere Hure die Gleichheit, unsere Hure die Brüderlichkeit.“ – Chapeau!

Ines_Schiller_Foto:Birgit_Hupfeld
Ines_Schiller_Foto:Birgit_Hupfeld

Schauspiel Frankfurt | Der Auftrag von Heiner Müller:

Di. 26.05. 20-21.20h | Fr. 12.06. 22-23.20h | So. 28.06. 20.30-21.50h | Karten unter: https://www.schauspielfrankfurt.de/spielplan/der-auftrag/577/# oder unter Tel. 069.212.49.49.4

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.