Momo und die Zeitphilosophie Heideggers (2010)

Es gib ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigsten denken je darüber nach. […] Dieses Geheimnis ist die Zeit.1

Der Autor Michael Ende leistete mit seinem Werken einen großen Beitrag für die Kinder- und Jugendliteratur. Zusätzlich zu seiner jungen Leserschaft, zeigt nun auch die philosophisch orientierte Literaturwissenschaft Interesse an Endes Romanen. Der deutsche Philosoph Gernot Böhme befasst sich in seinem Essay „Zeitphilosophie in Endes >>Momo<<“ als einer der Ersten mit den philosophischen Hintergründen in Endes Kinderromanen. Er arbeitet gezielt die Zeitphilosophie in Endes „Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte“ [„Momo“] aus. Dabei kommt er auf Philosophen, wie Platon, Marx oder Heidegger zu sprechen. Dass Karl Marx einen starken Einfluss auf Ende genommen haben soll, wurde viel in der Literaturwissenschaft diskutiert, weil es sehr offensichtlich ist. „[…] der überaus grausame Tyrann Marxentius Communus, genannt der Rote […]“2. Allerdings gab es bisher keine Interpretationsversuche der Werke Endes mit Fokus auf die Zeitphilosophie Heideggers. Auch Gernot Böhme, der sich mit der Zeitphilosophie in „Momo“ befasst, bleibt bei Grundrissen und behandelt das Phänomen der Langeweile bei Heidegger nur ansatzweise. Natürlich ist Heideggers Werk, aufgrund der Fragmenthaftigkeit seines Hauptwerks „Sein und Zeit“ [„SuZ“] schwer zugänglich. Aber lässt man sich auf die heideggersche von Neologismen durchzogene Sprache ein, erschließen sich seine zentralen Gedanken dem Rezipienten von ganz allein. Es wäre fatal eine Interpretationsoption von „Momo“ über die Zeitphilosophie Heideggers außen vorzulassen, vor allem weil sich explizite Verweise in „Momo“ auf Heideggers Philosophie finden lassen. Folglich soll eine Herausarbeitung dieser Verweise stattfinden, sodass eine Interpretationsoption zu „Momo und die Zeitphilosophie Heideggers“ in der philosophischen Literaturforschung existiert. Es wurde folgender Aspekt aus Heideggers Philosophie entnommen und in Bezug auf Endes „Momo“ untersucht: „Das Dasein als Sein zum Tode und „Die Rechnung ist falsch und geht doch auf“ Vorerst sollte erwähnt werden, dass die Begriffe Heideggers bzw. Heideggers Neologismen nur partiell erklärt werden, d.h. eine grundsätzliche Kenntnis von Heideggers Begrifflichkeit, wird für ein sorgenfreies Verständnis vorausgesetzt. Darüber hinaus werden die Termini von Heidegger in Kursiv deklariert, damit die Eigentümlichkeit seiner Begrifflichkeit ersichtlicher wird. Bei der interpretativen Analyse „Momos“, ausgehend von Heideggers Zeitphilosophie, wird nicht nur ein Bezug zum Kinderbuch hergestellt, sondern die vollzogene Analyse ist intermedial, d.h. die gewonnenen Erkenntnisse werden auf die Literaturverfilmung „Momo“ (1986) von Johannes Schaaf bezogen. Es wird hier nicht versucht an klassischen Filmanalyseschwerpunkten akribisch festzuhalten, weil es teils nicht möglich ist oder nicht sinnvoll wäre. Philosophische Theorien lassen sich schwer visuell umsetzten, deshalb wird im Folgenden untersucht, inwiefern dies dem Film gelingt. Nun eine kurz einleitende Erläuterung zu dem analytisch zu behandelnden Aspekt: Das Dasein als Sein zum Tode, d.h. Heideggers stark existenzialistische These in der die Eigentlichkeit der Existenz beschrieben wird und der Uneigentlichkeit gegenübertritt, wird offengelegt. Das Vermeiden in das Verfallen des Man wird ausgearbeitet und hinreichen erläutert. Hinzu kommt eine ausführliche interpretative Analyse der grauen Herrn, die Heideggers Einfluss auf „Momo“ im Bezug auf das Dasein als Sein des Todes aufdecken soll.

_________________________________________________________________________________________

1 Michael Ende: Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte. Stuttgart: K. Thienemanns Verlag, 1973. S.59.

2 Ebd. S.49.

________________________________________________________________________________________

Das Dasein als Sein zum Tode und „Die Rechnung ist falsch und geht doch auf“

Eine große friedliche Stadt, wo die Menschen verstanden haben zu leben, indem Sie „Zeit für sich“ nehmen und Ihrem „Herzen folgen“, wird plötzlich von grauen Herren heimgesucht. Diese Herren verdanken ihre Existenz der Zeit. „Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen. Und genau das wußte niemand besser als die grauen Herren. Niemand kannte den Wert einer Stunde, einer Minute, ja einer einzigen Sekunde Leben so wie sie.“1 Betrachtet man die Antagonisten des Romans die grauen Herren mit „heideggerschen Augen“, dann sind Sie „der Sinn des Seins“. Heidegger kommt zu den „Schluss“, dass die Zeit der Sinn des Seins ist. Er vollzieht diese Schlussfolgerungen leider nur teilweise in seinem Werk „SuZ“, indem er nach dem Sinn von Sein fragt. Zur Beantwortung dieser Frage, konzentriert er sich auf das menschliche Sein, damit der Sinn von Sein überhaupt aufgezeigt werden kann,2 d.h. er vollzieht eine Daseinsanalyse. „Unter der Zeit als dem Sinn von Sein ist dann nicht die objektive Zeit gemeint, sondern die subjektive Zeit menschlicher Existenz, also die Zeitlichkeit des Menschseins.“3 Die menschliche Existenz bezeichnet Heidegger als Dasein und grenzt es so vom Seienden ab, weil er dem Dasein eine Besonderheit zuspricht. Diese Besonderheit ist das Bewusstsein des Da-Seins der Menschen, also der Mensch verfügt über Bewusstsein und kann mit Hilfe dieses Bewusstsein sein Sein in der Welt zur Kenntnisnehmen. Das Dasein hat Selbstbewusstsein. Nach Heidegger, weiß das Dasein über sein In-der-Welt-sein Bescheid. „Das Dasein ist ein Seiendes, das nicht nur unter anderem Seienden vorkommt. Es ist vielmehr dadurch ontisch ausgezeichnet, daß es diesem Seienden in seinem Sein um dieses Sein selbst geht. […] Dasein versteht sich in irgendeiner Weise und Ausdrücklichkeit in seinem Sein.“4[…] Im Ich-sagen spricht sich das Dasein als In-der-Welt-sein aus.“5 Demzufolge verstehen die grauen Herren nur allzu gut jeden einzelnen Menschen, weil ihre Existenz aus der Zeitlichkeit des Daseins entsteht. Das Dasein entspringt aus dem Seienden, d.h. aus der Gegenständlichkeit und die Gegenständlichkeit kommt aus der zeitlichen Seinsweise des Menschen hervor. Die Intention der grauen Herren ist ihre Selbsterhaltung. Um sich diese zu sichern, stehlen sie den Menschen die Zeit. Die grauen Herren verdanken Ihre Existenz also der Zeit bzw. der Zeitlichkeit des Daseins und die Zeitlichkeit des Daseins „konsumieren“ sie durch Zigarren. Die Zigarren bestehen aus Stundenblumenblättern. Die Stundenblume ist bei Ende eine Metapher für die Zeitlichkeit des Daseins. Ferner ist zu erwähnen, dass die grauen Herren nur tote Zeit konsumieren, um existieren zu können. Die grauen Herren stellen die Zeitlichkeit des Daseins als Seins zum Tode dar oder kurz: sie verkörpern das Dasein als Sein zum Tode. „»Hast du jemals einen von ihnen [die grauen Herren] ohne seine kleine Zigarre gesehen? Gewiß nicht, denn ohne sie könnte er nicht mehr existieren.« »Was sind denn die Zigarren?« wollte Momo wissen. »Du erinnerst dich an die Stunden-Blumen […] Sie reißen den Stunden-Blumen die Blütenblätter aus, lassen sie verdorren, bis sie grau und hart werden, und daraus drehen sie sich ihre kleinen Zigarren. […] Lebendige Zeit ist jedoch für die grauen Herren unbekömmlich. Darum zünden sie die Zigarren an und rauchen sie. Denn erst in diesem Rauch ist die Zeit nun wirklich ganz und gar tot. Und von solcher toten Menschenzeit fristen sie ihr Dasein.“6 Damit die grauen Herren den Menschen die Zeit stehlen können, müssen sie die Menschen an ihr Dasein als Sein zum Tode erinnern, d.h. sie warten bis der Mensch verzweifelt ist, sein Leben als Last empfindet und sich wünscht ins Man zu verfallen. Der Mensch neigt zum Leben im Man, d.h. zu einem Leben in der Uneigentlichkeit. In dieser Uneigentlichkeit kann der Mensch sein Dasein nicht begreifen und die Angst des Daseins als Sein zum Tode verdrängen. Er kann nicht sein eigenes Wesen entwickeln, weil er für die Entwicklung seines Lebens sich selbst bestimmend verhalten (Existenz) muss. Er muss sich in seinem Leben selbst definieren, also in der Jemeinigkeit leben. Mit der Existenz und der Jemeinigkeit kann er sein Dasein erfahren. „Das Wesen des Daseins liegt in seiner Existenz.“7 Mit der „Erkenntnis“ seines Daseins, erschließt er sein Wesen und kann in der Eigentlichkeit leben. „[…] Eigentlich lebt, wer sein Leben aus den authentischen Zugangsweisen lebt, in denen ihm die Welt und er selbst gegeben sind, also in klaren Bewusstsein der Geworfenheit seiner Existenz und der daraus sich ergebenen Notwendigkeit, sein Leben selbst zu entwerfen.“8 Dies versucht der Mensch zu umgehen. Es würde bedeuten die Verantwortung für sein Leben zu übernehmen und sich dem Dasein als Sein zum Tode gewiß zu werden. „Heidegger betont, dass diese Aufgabe, das eigene Leben leben zu müssen, grundsätzlich als Last empfunden wird, als Last der Verantwortlichkeit für die Gestaltung des eigenen Lebens. Aus diesem Lastempfinden des eigenen Lebenmüssen erklärt sich nach Heidegger das Streben nach einer Seinsweise, in der uns gerade diese Last, genommen ist, das Streben nach der Seinsweise des Man […]9 Wir genießen und vergnügen uns, wie man genießt; wir lesen, sehen und urteilen über Literatur und Kunst, wie man sieht und urteilt […] Das Man, das kein bestimmtes ist und das Alle, obzwar nicht als Summe, sind, schreibt die Seinsart der Alltäglichkeit vor.“10 D.h. das Verständnis vom Dasein als Sein zum Tode empfindet der Mensch als Last. Es ängstigt ihn, weshalb das Dasein zum Verfallen ins Man neigt. „Man weiß um den gewissen Tod und ist doch seiner nicht eigentlich gewiß. Die verfallende Alltäglichkeit des Daseins kennt die Gewissheit des Todes und weicht dem Gewißsein doch aus.“11 Heideggers Dasein als Sein zum Tode ist das zentral behandelte Problem des sechsten Kapitels aus Endes Momo „Die Rechnung ist falsch und geht doch auf“. Allein die Kapitelüberschrift verweist auf Heideggers Zeitphilosophie. „[…] Aber woher nimmt man die Zeit? Man muß sie eben ersparen! Sie, Herr Fusi, vergeuden Ihre Zeit auf ganz verantwortungslose Weise. Ich will es Ihnen durch eine kleine Rechnung beweisen. […] Wie lange schätzen Sie die Dauer Ihres Lebens? […] Herr Fusi schluckte und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Die Summe machte ihn schwindelig. Er hätte nie gedacht, daß er so reich sei. »Ja«, sagte der Agent nickend und zog wieder an seiner kleinen grauen Zigarre […] Aber nun wollen wir einmal sehen, was Ihnen von Ihrem zweiundvierzig Jahren eigentlich geblieben ist. […] Er steckte seinen Stift ein und machte eine längere Pause, um den Anblick der vielen Nullen auf Herr Fusi wirken zu lassen. […] dachte Herr Fusi zerschmettert, »ist also die Bilanz meines Lebens.«“12 […] Der Sorge, welche die Ganzheit des Strukturganzen des Daseins bildet, widerspricht offenbar ihrem ontologischen Sinn nach ein mögliches Ganzsein dieses Seienden. Das primäre Moment der Sorge, das »sichvorweg«, besagt doch: Dasein existiert je umwillen seiner selbst. »Solange es ist«, bis zu seinem Ende verhält es sich zu seinem Seinkönnen. Auch dann, wenn es, noch existierend, nichts mehr »vor sich« und seine Rechnung abgeschlossen« hat, ist sein Sein noch durch das »Sichvorweg« bestimmt.“13 Es ist das Dasein als Sorge, welches die Spannung zwischen der Faktizität (Geworfensein, d.h. plötzlich In-der-Welt-sein [Gegenwart]), der Existenzialität (die Fähigkeit sich auf die Zukunft gerichtet, zu entwerfen [Zukunft]) und der Verfallenheit in das Man; auch Herr Fusis Dasein befindet sich in diesem Spannungsverhältnis des Schon-sein-in-einer-Welt, Sich-vorweg-sein und der Verfallenheit des Man. „Das Dasein existiert faktisch. Gefragt wird nach der ontologischen Einheit von Existenzialität und Faktizität, bzw. der wesenhaften Zugehörigkeit dieser uns jener. Das Dasein hat auf Grund seiner ihm wesenhaft zugehörenden Befindlichkeit eine Seinsart, in der es vor es selbst gebracht und ihm in seiner Geworfenheit erschlossen wird. Die Geworfenheit aber ist die Seinsart eines Seienden, das je seine Möglichkeiten selbst ist, so zwar, daß es sich in und aus ihnen versteht (auf sich entwirft). Das In-der-Welt-sein, zu dem ebenso ursprünglich das Sein bei Zuhandenem gehört wie das Mitsein mit Anderen, ist je umwillen seiner selbst. Das Selbst aber ist zunächst und zumeist uneigentlich, das Man-selbst. Das In-der-Weltsein ist immer schon verfallen. Die durchschnittliche Alltäglichkeit des Daseins kann demnach bestimmt werden als das verfallenderschlossene, geworfen-entwerfende In-der-Welt-sein, dem es in seinem Sein bei der »Welt« und im Mitsein mit Anderem um das eigenste Seinkönnen selbst geht.“ 14 Herr Fusis Dasein als Sorge lässt sich anhand seines Monologs erkennen. „Eines Tages stand Herr Fusi in der Tür seines Ladens und wartete auf Kundschaft. […] es war ein grauer Tag und auch in Herr Fusis Seele war trübes Wetter. »Mein Leben geht so dahin«, dachte er, »mit Scherengeklapper und Geschwätz und Seifenschaum. Was habe ich eigentlich von meinem Dasein? Und wenn ich einmal tot bin, wird es sein, als hätte es mich nie gegeben.« […] »Mein ganzes Leben ist verfehlt […] wer bin ich schon? Ein kleiner Friseur, das ist nun aus mir geworden. Wenn ich das richtige Leben führen könnte, dann wäre ich ein ganz anderer Mensch!« Wie dieses richtige Leben beschaffen sein sollte, war Herr Fusi nicht klar. […] »für soetwas läßt mir meine Arbeit keine Zeit. Denn für das richtige Leben muß man Zeit haben. Man muß frei sein. Ich aber bleibe mein Leben lang ein Gefangener von Scherengeklapper, Geschwätz und Seifenschaum.«“15 Er empfindet in diesem Augenblick sein Leben als Last, fühlt sich gefangen im Leben. Diese Gefangenschaft entspringt aus der Uneigentlichkeit, d.h. aus der Verfallenheit in das Man in der Herr Fusi lebt. „Für Heidegger erklärt sich daraus die Tendenz verfallend zu existieren, d.h. so im Besorgen von alltäglichen Zeug aufzugehen, dass die eigentliche Leere unseres Lebens und das Bewusstsein unserer (an sich) sinnlosen Geworfenheit zugedeckt wird. Verfallend zu existieren ist daher gleichbedeutend mit dem, was Heidegger die Uneigentlichkeit nennt.“16 Nach dem Monolog von Herr Fusi betritt ein grauer rauchender Herr den Friseursalon und setzt sich auf den Rasierstuhl. Er rezitiert Herr Fusis Monolog. Der graue Herr scheint ihn zu kennen. „Wenn Sie einmal tot sind, wird es sein, als hätte es Sie nie gegeben. Wenn Sie Zeit hätten, das richtige Leben zu führen, dann wären Sie ein ganz anderer Mensch. Alles, was Sie also benötigen, ist Zeit. […] »Darüber habe ich eben nachgedacht« murmelte Herr Fusi und fröstelte […] es wurde immer kälter.“17 Bei der Anwesenheit des grauen Herren überkommt Herr Fusi eine latente Angst, die sich nur physisch bemerkbar macht, in Form von Kältegefühl mit zusätzlicher Schweißbildung und Zittern. Das Phänomen der Kälte beim Auftreten der grauen Herren, ist ein Aspekt, welcher den ganzen Roman durchläuft. Es ist ein Indiz für die Angst vor dem Dasein als Sein zum Tode. „Er [Herr Fusi] setzte sich auf einen Stuhl in der Ecke und wischte sich mit dem Taschentuch die Stirn, denn trotz der eisigen Kälte brach bei ihm der Schweiß aus. […]Herr Fusi begann mit den Zähnen zu klappern, so kalt war ihm geworden.“18 Als der graue Herr den Friseursalon verlassen hat, kann Herr Fusi sich nicht mehr an den Besuch des grauen Herrn erinnern. In der Philosophie Heideggers ist das Phänomen der Angst eine zentral menschliche Befindlichkeit. Es entwickelt sich, wenn das Dasein sich seiner verfallenden Zeit bewusst wird, sich an sein In-der-Welt-sein und seine nichtige Existenz erinnert. „Im wovor der Angst wird das »Nichts ist es und nirgends« offenbar. Die Aufsässigkeit des innerweltlichen Nichts und Nirgends besagt phänomenal: das Wovor der Angst ist die Welt als solche. Die völlige Unbedeutsamkeit, die sich im Nichts und Nirgends bekundet, bedeutet nicht Weltabwesenheit, sondern besagt, daß das innerweltlich Seiende an ihm selbst so völlig belanglos ist, daß auf dem Grunde dieser Unbedeutsamkeit des Innerweltlichen die Welt in ihrer Weltlichkeit sich einzig aufdrängt. […] Wenn die Angst sich gelegt hat, dann pflegt die alltägliche Rede zu sagen: »es war eigentlich nichts«. […] Die Angst benimmt so dem Dasein die Möglichkeit, verfallend sich aus der »Welt« und der öffentlichen Ausgelegtheit zu verstehen. Sie wirft das Dasein auf das zurück, worum es sich ängstet, sein eigentliches In-der-Welt-sein-können. […]Die Geworfenheit in den Tod enthüllt sich ihm ursprünglich und eindringlich in der Befindlichkeit der Angst.19 […] Die Angst soll dem Dasein zum Bewusstsein seines Daseins als Sein zum Tode verhelfen, damit das menschliche Sein sich seiner Endlichkeit bewusst wird und versucht in der Eigentlichkeit zu leben. Eigentlich zu leben, bedeutet dann, dieses Wissen im Aushalten der Angst vor dem Tode in seiner ganzen Bedrohlichkeit in sein Leben aufzunehmen, uneigentlich zu leben dagegen, dieses stets selbstbezügliche Wissen zu einem abstrakten. Man stirbt zu verkehren und dadurch von sich selbst abzulenken.“20 Der Besuch eines grauen Herrn in Herr Fusis Friseursalon, dient dazu Herr Fusi sein Dasein als Sein zum Tode zu vermitteln. Der graue Herr bereitet Herr Fusi mit der „unwahren“ Rechnung21 über seine verlorene Lebenszeit soviel Angst vor seiner Endlichkeit, dass er ins Man verfallen möchte. Somit haben die grauen Herren ihre Existenz gesichert. Die vollzogene Analyse des Dasein als Sein zum Tode lässt sich auch auf die Literaturverfilmung „Momo“ von Johannes Schaaf anwenden. Dort lässt sich die Szene „Der graue Herr zu Besuch in Herr Fusis Friseursalon“ wiederfinden.22 Der Besuch des grauen Herrn wird mit einer düsteren Melodie eingeleitet. Das Erste, was Herr Fusi beim Eintreten des grauen Herrn in seinen Friseursalon sagt, ist: „Mir ist auf einmal so unglaublich kalt.“23 Dies ist die Darstellung der heideggerschen Angst vor dem Dasein als Sein zum Tode. Auch in den Filmminuten 24: 50 und 25: 35, wird Herr Fusi immer kälter, er deckt sich mit Handtüchern aus seinem Laden zu, um die Kälte zu minimieren, dies gelingt ihm leider nicht. Was auffällt, ist ein Unterschied zwischen Buch und Film. Herr Fusi setzt sich auf den Rasierstuhl und nicht der graue Herr. Gleichbleibend sind die Errechnung von Herr Fusis „verlorener Lebenszeit“ und seiner charakterlichen Veränderung nach dem Besuch des grauen Herrn. Die Darstellung der grauen Herrn ist düster und diese verkörpern eine angsterregende Gestalt. Das Phänomen der Angst wird im Film deutlich mit ästhetischen Mitteln umgesetzt, d.h. Herr Fusis starkes Kälteempfinden sowie sein bleiches Gesicht sind im Fokus. Des Weiteren sieht man seine charakterliche Veränderung bzw. seine Man Verfallenheit, in dem er sich hektisch verhält.

_______________________________________________________________________________________

1 Michael Ende: Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte. 1973. S.59.

2 Vgl. Matthias Günter: Kann man Heidegger verstehen? – Eine Rekonstruktion von „Sein und

Zeit“. Regensburg: Roderer Verlag, 2007. S.7.

3 Ebd. S.10.

4 Martin Heidegger: Sein und Zeit. Tübingen: Max Niemeyer Verlag, 1972. S.12.

5 Ebd. S.321.

6 Michael Ende: Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind,

das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte. 1973. S.244.

7 Martin Heidegger: Sein und Zeit. 1972. S.42.

8 Matthias Günter: Kann man Heidegger verstehen? – Eine Rekonstruktion von „Sein und Zeit“.

9 Ebd. S.24.

10 Martin Heidegger: Sein und Zeit. 1972. S.126f.

11 Ebd. S.258.

12 Michael Ende: Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind,

das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte. 1973. S.62ff.

13 Martin Heidegger: Sein und Zeit. 1972. S.236.

14 Ebd. S.181.

15 Michael Ende: Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte. 1973. S.60.

16 Matthias Günter: Kann man Heidegger verstehen? – Eine Rekonstruktion von „Sein und Zeit“. 2007. S.32.

17 Michael Ende: Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte. 1973. S.62.

18 Ebd. S.62ff.

19 Martin Heidegger: Sein und Zeit. 1972. S.186 ff.

20 Matthias Günter: Kann man Heidegger verstehen? – Eine Rekonstruktion von „Sein und Zeit“.

2007. S.43.

21 Es ist eine „unwahre“ Rechnung, weil die Ganzheit seines Daseins abgeschlossen hätte sein

müssen, damit die Bilanz wahrhaftig erfassbar wäre. (Martin Heidegger: Sein und Zeit. 1972.

S.236).

22 „Momo“ (Johannes Schaaf. Italien/ Deutschland 1986) 23:35 – 23:50.

23 Ebd. 24:29.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen