Gender Trouble in der Großstadt

Falk Richter kreiert mit seinem Rechercheprojekt SMALL TOWN BOY am Gorki-Theater ein reflektiertes Abbild von unserer multioptionalen Leistungsgesellschaft, in dem Großstadtmenschen mit geschlechtlichen Identitäten spielen, sexuelle Vorlieben erforschen und Beziehungsbilder hinterfragen, um sich selbst zu definieren und selbst sein zu können.

Ein cremefarbender Vorhang öffnet sich und melancholisch singt Mehmet Ateşçi den Popsong „Smalltown Boy“ von Bronski Beat „You leave in the morning/ With everything you own […] Mother will never understand/ Why you had to leave/ But the answer you seek/ Will never be found at home […] run away, turn away, run away” und leitet damit die dritte Szene “Buchholz in der Nordheide” ein, in der ein junger Mann aus der Provinz in die Großstadt flüchtet und versucht dem engen Mutter-Sohn-Verhältnis zu entkommen, um sich uneingeschränkt entfalten zu können.

annie-lennox

Die Bühne ist mit weißen Flokati-Teppichen, einigen Tischen, einem Stahlkonstrukt und Bildern von bisexuellen David Bowie, schwulen Rainer Werner Fassbinder und der heterosexuellen Annie Lennox, die mit dem Gender spielt, geschmückt. Die Schauspieler*innen fläzen sich auf den Teppichen, durchstöbern Schallplatten und erinnern sich nostalgisch an ihre „Erste Liebe“ – Paddy Kelly, der damals einem Mädchen zum Verwechseln ähnlich sah. Kaum in der Großstadt „Berlin“ angekommen, wird der homosexuelle junge Mann mit Einsamkeitsgefühlen und der Angst vor emotionaler Nähe, welche mit der Furcht vor Freiheitsverlust einhergeht, konfrontiert. Es kommen Fragen auf: Wie sieht eine gesunde Beziehung aus? Und was hält uns davor ab, wir selbst zu sein?

Richters Projekt SMALL TOWN BOY setzt sich aus unterschiedlichen Monologen, Szenen und Gesangseinlagen zusammen, die 25 projizierte Zwischenüberschriften bilden. Die Schauspieler*innen Mehmet Ateşçi, Niels Bormann, Lea Draeger, Aleksandar Radenković und Thomas Wodianka streifen die Themen Karriere, Beziehungsstress, Problem der Einsamkeit in einer durchdigitalisierten Welt, um sich schließlich der homosexuellen Identitätsbildung zu nähern. Dabei wechseln sie ständig ihre Rollen, ihr Gender und ihre sexuelle Identität. Größtenteils sprechen sich die Darsteller*innen mit ihren realen Namen an und spielen so mit der Realität. Nicht immer wird deutlich, wer gerade spricht: die fiktive Figur oder die reale Person. In dem Richter den Schauspieler*innen keine eng zugeschnittenen Rollen zuweist, lässt er das Privatleben der Künstler*innen zur Kunst werden. Paradoxerweise kritisiert Richter in SMALL TOWN BOY das Vorgehen eines Künstlers sein Privatleben als Kunst zu deklarieren.

Neben Ironie, Parodie und Witz, wie die Szene „Shades of Grey […] Angie im Kanzlerschloss“, in der Lea Draeger nach einem erfolgreichen Deal mit der Rüstungsindustrie nach ihrem Analpfropf verlangt, beinhaltet SMALL TOWN BOY auch gesellschaftskritische Momente. Das gesellschaftskritische Moment erreicht seinen Höhepunkt in der Szene „Frühling der Reaktionäre“. Dort entlädt sich Thomas Wodianka seiner Wut über die ‚Homolobby‘, Wladimir Putin mit seinen menschenrechtsverletzenden Homophobie-Gesetz, dem „Diktatorenflittchen“ Anna Netrebko, die lieber aufhören sollte Opern von homosexuellen Tschaikowsky zu singen und schließlich Angela Merkel mit ihren Mädels Erika Steinbach und Ilse Aigner, die die Institution Ehe über alles schützen, aber selber kinderlos sind und/ oder in keiner Partnerschaft leben.

Warhol - Drag Putin

SMALL TOWN BOY (UA 11. Januar 2014)  ist im Großen und Ganzen eine gelungene und sehr sehenswerte Inszenierungen mit grandiosen Schauspieler*innen und wunderschöner Livemusik von Mehmet Ateşçi. Aber auch Thomas Wodianka mit seinem selbstgeschrieben Song „Diamonds“ – vermutlich hat Rihanna den Song auch schon mal gesungen – für Aleksandar Radenković, was in einem Duett endet, ist zauberhaft. Leider spielen homosexuelle Frauen in SMALL TOWN BOY überhaupt keine Rolle und wenn Richter Frauen thematisiert, dann sind es bei ihm eher Menschen, die sich gerne sexuell erniedrigen lassen oder griechische Tragödien ausleben. – Und warum wird Elfriede Jelinek mit „Shades of Grey“ in Verbindung gebracht? Beziehungsweise wieso wird Jelinek verbal attackiert? – Lea Draeger als einzige Frau im Ensemble spielt ihre Rollen hervorragend und verleiht der Inszenierung nötigen weiblichen Charme.  SMALL TOWN BOY behandelt – wie auch Richters frühere Projekte RAUSCH und THE DISCONNECTED CHILD – die aufdringliche Mutter, die ihrem jungen Sohn keinen Freiraum lässt und ihn mit ihrer Liebe erstickt, sowie das distanzierte Vater-Sohn-Verhältnis. Schade ist dabei, dass Richter Textpassagen aus seinen früheren Werken übernimmt und in dieser Hinsicht nichts neues kreiert. Lobenswert ist, dass Richter die Selbst- und Paarsuche diesmal auf den Fokus der sexuellen Identitätsbildung richtet und somit eine Inszenierung geschaffen hat, die sich mit der männlichen Homosexualität auseinandersetzt, das Gender kritisch hinterfragt und den Zuschauer zum Nachdenken animiert.

Maxim Gorki Theater: 10.3., 17.3., 16.4., 24.4., 30.4., 1.5. jeweils um 19.30h

Karten unter (030) 20221 115 oder http://www.gorki.de/spielplan/2014-01/small-town-boy/597/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen